[Nordbayerischer Kurier, 13./14. Februar 2010: Rückkehr in die Maler-Unschuld]

[Fränkischer Tag, 11. Februar 2010: Regierung entdeckt die Kunst]

[Coburger Tageblatt, 5./6. September 2009: In inneren Ländern und ganz in ihrem Element]

[Neue Presse Coburg, 5. September 2009: Neue Konzepte, breites Spektrum]

[Mohr Coburg, September 2009: IM ELEMENT]

[Fränkischer Tag, 13. August 2009: In Nümberg triumphiert der Realismus]

[Nürnberger Zeitung, 27. Juni 2009: Umfrage: Das Traumhaus besteht aus Seife]

[Fränkischer Tag, 16./17. Mai 2009: Verspielt, ironisch, zeitkritisch]

[Nürnberger Nachrichten 24. Oktober 2008: Düstere Urwelt gegen feine Liebe zu Natur]

[Nordbayerischer Kurier, 13. Oktober 2008: Reiz der scheinbaren Gegensätze]

[Fränkischer Tag, 1. August 2008: In Nürnberg triumphiert die realistische Malerei]

[Fränkische Nacht, Mai 2008: Die "Hirschadisierung" der Welt]

[Fränkischer Tag, 28. April 2008: Trash-Kultur und Landschaftsbilder]

[Fränkischer Tag, 26. April 2008: Ich bin ein Musenfuzzi]

[Christian Forster: Laudatio anlässlich der Verleihung des Volker-Hinniger-Preises am 25. April 2008]

[Frankfurter Neue Presse, 28. November 2007 (PDF 0,8 MB): Flurbereinigung in der Malerei]

[Frankfurter Rundschau, 29. Novermber 2007 (PDF 2,4 MB): Flurbereinigung]

[Fränkischer Tag, 22. März 2008: Der Zauber in jedem Alltag]

[Markus Hörsch: Landschaftsmalerei 2006]

[Patricia Grzonka und Linda Klösel: Richard Wientzek/Jun-Jul 03]

[Christian Forster: Topografie und Topos. Zur Malerei von Richard Wientzek]

 


Fränkischer Tag, 26. April 2008: „Ich bin ein Musenfuzzi“

Eine „absolut kindliche Freude“ hat ihn gepackt, als er erfuhr, dass der Volker-Hinniger-Preis 2008 an ihn fällt. Das glaubt man Richard Wientzek aufs Wort, auch wenn er demnächst 38 wird. Vor acht Jahren hat er sich entschieden, für die und von der Kunst zu leben. Es hat geklappt. Und jetzt diese „unheimlich geile Bestätigung“. Studiert hatte er in Bamberg und Amsterdam. Germanistik, Kunstgeschichte und Niederländisch, seine Magisterarbeit untersuchte das Verhältnis von Schnorrs Nibelungenzyklus in der Münchner Residenz zur literarischen Vorlage.
Blanke Theorie. Wie kam`s dann zum Sprung in die Praxis? Die Anfänge liegen weit zurück: „Ich bin ein Musenfuzzi“, sagt Wientzek lächelnd. Mit der Begeisterung hat ihn die Mutter angesteckt, eine Hobbymalerin. Schon das Kind zeichnet unentwegt, am liebsten Schlachtenszenen mit Riesengetümmel, Albrecht Altdorfers Alexanderschlacht ist da ein Vor-Bild. Früh aber auch sein „entspanntes Verhältnis zu angewandter Kunst“.
Illusionistisch und präzise arbeiten, das liegt ihm. Und so ist sich der Jugendliche nicht zu schade, Skiwanderkarten zu fertigen, später arbeitet er nebenher als archäologischer Zeichner. Oder er gestaltet das Cover zur CD „Sambesi“ des Liedermachers Wolfgang Buck, für das er eine „Fränkische Weltkarte“ entworfen hat.
Nahe liegend, dieses Crossover. Richard Wientzek macht selbst Musik. „Ohne stilistische Grenzen von Bach bis Jazz“ spielt er Gitarre, mit der auf lateinamerikanische Klänge spezialisierten „Guerilla-Showkapelle“ Mariachi Juvenil Ernesto Negro tritt er auch als Sänger auf: „Ich mag Trash-Ästhetik“, gesteht er, „Volksmusiker oder Alleinunterhalter haben ja etwas Anrührendes und bringen oft unheimlich gute Gebrauchsmusik. Ich habe Respekt vor allem, das handwerklich gut gemacht ist.“
Ausgleich für einen, der im Atelier „letztlich Einzelkämpfer ist“. Ähnlich wie die Zusammenarbeit mit der Wiener Konzeptkünstlergruppe „monochrom“. Performances und Installationen sind ein „gezieltes Kontrastprogramm und ein schöner Ausgleich“ für Wientzek. Medial kennt er keine Grenzen – „technisch bin ich ein Hansdampf in allen Gassen“. Solche „Ausbrüche ins Aberwitzige“ scheuen nicht vor Show-Elementen und der ätzenden, ja bösen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit zurück.
Ganz anders also die Malerei. Die alten Meister faszinieren ihn, die Niederländer, vor allem Jan Vermeer mit seinem „unglaublich nüchternen Blick“, mit der schwer deutbaren Doppelbödigkeit jenseits einer konkreten Allegorie. Das entspricht seiner Auffassung. Surreale oder symbolische Malerei ist ihm fremd. Anspielungen und Zitate versteckt er lieber.
So verweist das Gemälde „Die gelben Stiefel“ mit dem schwangeren Akt in einer Industrieruine durchaus auf die mysteriösen Milchmädchen und Frauen bei Jan Vermeer. „Keine Story“, verweigert sich der Maler; der Titel soll den Blick auf ein Detail lenken, von dem aus sich das Bild erschließt.

Eine Gänsehaut beim Staunen

Emotionen wecken will Wientzek beim Betrachter. „Ich möchte einmal ein Bild so hinkriegen, dass die Menschen eine Gänsehaut bekommen. Der Isenheimer Altar zum Beispiel ist ein Werk, vor dem man staunt und den Mund nicht mehr zukriegt.“
Unter den Zeitgenossen beeindruckt in Gerhard Richter besonders. Weil seine Handschrift unübersehbar ist, auch wenn er abstrakt arbeitet. Und von seiner Haltung her, von seiner bescheidenen Art: „Er spielt nicht den großen Zampano und tritt hinter sein Werk zurück, wenn er sagt: „Meine Bilder sind klüger als ich.“
Ein Fall für sich: die Landschaften und Städtebilder. Sie waren der Schwerpunkt in den letzten Jahren. Wälder, Wiesen, Wege, Felder zum Wiedererkennen und doch verfremdet. Nicht selten schiebt sich ein Nebel verhüllend darüber. „Weg von den Postkartensehenswürdigkeiten für Touristen“ lautet Richard Wientzeks Motto. Er rückt bröckelnde Mauern ins Bild, bescheidene Häuserzeilen, Industriebrachen. Eine Wirklichkeit, die ihren Anspruch auf Beachtung anmeldet. Was der Künstler „nicht unbedingt kritisch“ gewertet haben will.
Mit den „Gelben Stiefeln“ knüpft er neuerdings wieder an Bilder an, die er vor zehn Jahren gemalt hat. „Die Prinzessin auf der Sülze“ zum Beispiel. Rätselhaft und witzig zugleich, diese Playmobil-Figur. Romantische Ironie begreift er als einkalkuliertes Mittel der Entzauberung; ein Schmunzeln, hebt er hervor, sei nicht verboten. Zum Gitarrespielen ist er seit Wochen und Monaten nicht mehr gekommen. Er hat die Ausstellung zu seiner Auszeichnung vorbereiten müssen. Einen Einblick in das Schaffen von Richard Wientzek geben ab heute 70 Gemälde und Zeichnungen in der Bamberger Dessauervilla, zur Hälfte Leihgaben.
Ein bisschen Marketing kann nicht schaden, darum kümmert sich die Freundin. Sie ist Werbe-Profi und „gibt mir ab und zu einen Arschtritt“ in der hellen Wohnung nahe dem alten Heiliggrabkloster im Bamberger Gärtnerviertel – das Mini-Atelier in einer Dachkammer liegt zwei Ecken weiter. Einen Auftrieb, klar, verspricht er sich vom Hinniger-Preis. „Ich steuere die Zusammenarbeit mit einer größeren Galerie an, am liebsten in Frankfurt.“



Laudatio auf Richard Wientzek aus Anlass der Verleihung des Volker-Hinniger-Preises 2008

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Richard,

als kompetente Zeitgenossen gehen wir mit der täglichen Bilder- und Informationsflut pragmatisch um: Wir wählen aus und ignorieren, so gut es geht, den Rest. Bei der Auswahl leiten uns Interessen, Qualitätsanspruch und Gewohnheiten.
Unter all den Angeboten filtern wir rasch heraus, was von der so genannten Hochkultur kommt: Sie bewahrt den Kanon, der zwar nicht starr ist, aber verlässlich. Sie hütet die Tradition, auch dann noch, wenn sich die gesellschaftlichen Verhältnisse gewandelt haben. Leicht ist die Bildende Kunst zu erkennen. Denn obzwar sie in vielerlei Weise Bezug auf die alltägliche Umwelt des Künstlers und seiner Mitmenschen nimmt – entweder in ihrer äußeren Form oder dem Kontext, in dem sie präsentiert wird, tritt sie klar als Kunst in Erscheinung.
Um derlei Kategorisierungen vornehmen zu können, unterscheiden wir alle medial vermittelten Eindrücke u.a. nach Stillagen. Und einer der gebräuchlichsten Dichotomien ist die Einteilung in E und U, in ernsthaft und Unterhaltung, in elitär und populär, ein Gegensatzpaar, das trotz aller Versuche, seine Grenzen aufzuheben, nach wie vor und nicht nur in der Musik gültig ist.
Ich schicke dies voraus, um Ihnen den Standort zu erläutern, den Richard Wientzek in dem riesigen Feld der zeitgenössischen Kunst einnimmt, und nähere mich ihm, der heute als Maler und Zeichner geehrt wird, von einer anderen Seite seines Schaffens. Als Medienkünstler macht er Musik und Hörstücke, die nicht in der Mitte, sondern an den Rändern sowohl der E-, als auch der U-Sparte angesiedelt sind: Volkstümliche Musik und Klangkunst, Musical und Technokraten-Sprache. Einige Beispiele werden hier im Haus in einer „Hör-Bar“ abgespielt. Sie werden feststellen, dass es nicht immer leicht ist, den Anteil der Ironie an den Stücken zu bestimmen. Die Ursache liegt im Folgenden: Als Beweggründe für sein Tun gibt Wientzek in einem Beiblatt an, er habe eben ein „schmerzfreies Verhältnis zur Trash-Kultur“ und „Respekt vor gut gemachter Unterhaltungsästhetik“.
Dieser Respekt führt dazu, dass er eine am Anfang stehende „Man müsste mal …“-Idee professionell umsetzt und dabei die Gesetze des jeweiligen Genres akzeptiert, also: Wenn schon Musical, dann bitte mit Ohrwurm.
Die Regeln der Gattung zu kennen und zu beherrschen ist freilich die wichtigste Bedingung für den gelungenen „Fake“, so der Fachbegriff, und RW hat schon mal einen ganzen Künstler erfunden, aus politischen Gründen, in Zusammenarbeit mit der Wiener Künstlergruppe „monochrom“, für die derlei „Fakes“ eine bevorzugte Ausdrucksform sind. Die Fälschung entlarvt sich in der Regel selbst durch den Inhalt, der nicht zu der Form passen will: Wenn dem hierzulande längst vergessenen österreichischen Kriminellen Udo Proksch ein Musical gewidmet wird, sind Thema und Gattung einfach nicht kongruent. Oder ein anderes Beispiel: Wenn dem gelernten Germanisten Wientzek die These einer Mediävistin über das Nibelungenlied nicht passt, schreibt er keine Rezension, sondern singt die Thesen als volkstümliches Lied, das er auch schon mal mit seinen Wiener Spezis als „Die original echten Noam Chomsky“ zum Besten gegeben hat.
Auf diese Weise macht er also Form und Inhalt lächerlich, demonstriert aber, wie beides funktioniert und hilft uns dabei, mündige Medienkonsumenten zu werden.
Ein weiteres Stilmittel ist: Das Wörtlichnehmen von Phrasen, und hiermit kann ich zu Wientzeks Malerei überleiten, denn im frühen Werk gibt es ein paar Bilder, die er „Rinnsteinkunst“ nannte. Er griff dabei eine Wendung Kaiser Wilhelms II. auf, mit der dieser die Impressionisten abkanzelte. Wientzek malte mit feinem Pinsel –: Rinnsteine und stellte in seiner privaten Kunstgeschichte die Ehre der Malerei wieder her.
Diese Gemälde entstanden noch während der Schulzeit am Franz-Ludwig-Gymnasium Bamberg mit seinen großartigen Kunstlehrern Fridolin Kleuderlein und Hubert Sowa und sind heute nicht ausgestellt; die Werkschau zeigt knapp 70 Bilder aus den letzten Jahren; das älteste ist von 1999. Mittlerweile hat sich neben der Treue zum Illussionismus eine Vorliebe für impressionistische Motive entwickelt.
Zweifellos gingen auch bestimmte Komponenten einer romantischen Naturanschauung in sein malerisches Schaffen ein. Dass sie in subtiler Weise gebrochen werden und ein sentimentales Gefühl irritieren, liegt daran, dass die allgegenwärtigen menschlichen Eingriffe in die Natur nicht ausgeblendet werden. Sondern sie haben großen Anteil an der Motivik.
In einigen Bildern stellt uns der Maler ein Objekt von funktionaler Schlichtheit, etwa einen Strommast oder eine steinerne Brüstung, so dicht vor die Augen, als wäre die Landschaft nur schmückender Hintergrund. Im Bild „Rechts“ ist dieses Objekt, ein Verkehrsschild mit Pfeil, sogar titelgebend. Dezidiert unspektakulär sind die Bildmotive der Ortsrandbebauung von „Hirschaid“. Auf den Höhepunkt getrieben aber wird die malerische Adelung eines unauffälligen Wirklichkeitsausschnitts in „Hinter Laibarös“.
Weite ist ein wichtiges Thema für Wientzek. Es wird vermittelt durch einen niedrig angesetzten Horizont, über dem abziehende Regenwolken den Blick auf das Azurblau des Himmels freigeben („Nach dem Regen“), oder durch eine geradezu lustvoll inszenierte Tiefenperspektive, wenn der Blick von den Reihen der Setzlinge eines Maisfelds geleitet wird, die gegen den Horizont streben („Leitung“) oder von Ackerfurchen, in denen sich Schnee gesammelt hat („Weiter“). Nicht selten hindert eine Barriere in der Bildmitte den Blick daran zu schweifen, etwa eine Siloanlage wie auf dem Bild „Europa“, das die Einladung zur heutigen Veranstaltung ziert.
Im Titel der Ausstellung „Tagwerk“ klingt dreierlei an, was die Landschaftsbilder von Wientzek ausmacht: die Verbundenheit mit der bäuerlich geprägten Heimat, die Vorliebe für Maß und Maßeinheiten sowie den Anteil der Arbeit beim Herstellen von Malerei.
Aber die Landschaften sind nicht das einzige Genre, das in der Ausstellung vertreten ist. Am „Meer“, als „Badende“ und im „Sommer“ treten auch Menschen auf, in großer Zahl, als Masse, wird man sagen müssen, die ausschnitthaft gezeigt wird, um ihre Massenhaftigkeit gerade erst herauszustreichen. Den seriellen Charakter eines Motivs betonen auch die in zwei oder drei Tafeln geschnittenen Landschaftsbilder, bei denen Wientzek zugleich mit der ikonographischen Tradition bricht, da sich im Diptychon und im Triptychon sonst zwei oder drei Einheiten durch ihre Gegenüberstellung zu einer übergeordneten Aussage verbinden. Spätestens seit dem Studium der Kunstgeschichte weiß Wientzek um derlei historische Voraussetzungen.
Die Betonung des Handwerklichen mag daher kommen, dass die künstlerischen Anfänge Wientzeks nicht im akademischen Umfeld angesiedelt sind, sondern in der unmittelbaren Praxis, die den Bedarf an Gebrauchsmalerei decken wollte. Wientzek hat als Schulkind sein erstes Taschengeld mit dem Bemalen von Faschingswägen verdient, dann hat er zahlreiche Panoramakarten gemalt, die an Wanderwegen stehen. Dann wieder hat er Zeichnungen für archäologische Dokumentationen angefertigt. Und er macht nach wie vor auch das, was nach Ansicht mancher einen Widerspruch enthält, dem Sprachgebrauch aber geläufig ist, nämlich Auftragskunst, etwa Porträts. Hinter all dem steht ein unbändiges Bedürfnis zu malen. Angesichts der stoisch durchexerzierten Grashalme, Zweige und Falten kann es sich gar nicht anders verhalten. Die unscharfe Wiedergabe einer Baumgruppe im Abendlicht führt vor, wie die Malerei auf die omnipräsente Fotografie reagieren kann - und ist natürlich eine Reminiszenz an Gerhard Richter.
Bei scheinbar hyperrealistischen Szenerien wie den „Gelben Stiefeln“ dürfte ihn vor allem das Problem interessiert haben, wie sich die Spiegelung in den Wasserpfützen malerisch darstellen lässt und wie sich das Inkarnat, also die Fleischfarbe, in der kalten Umgebung grauer und blauer Töne abhebt.
Der Künstler vermittelt es schließlich selbst, auf ikonograpischem Wege und in einem programmatischen Bild, als das ein Selbstporträt immer gewertet werden muss (Sie haben es beim Hereinkommen gesehen): Das befremdliche Element der Rosenblüten, in denen der Mann mit Schleifgerät und Mundschutz hüfthoch steht, ist eine in aller Bescheidenheit vollzogene Verbeugung vor den großen Malern des Historismus, Alma-Tadema und Makart. Da es anachronistisch wäre, das Erhabene der Altmeister nachzuahmen, da er die Malerei aber nicht an der nachmodernen Allzweckwaffe Ironie zerschellen lassen will, arbeitet Wientzek eben an der Überwindung des Gegensatzes zwischen Pathos und ironischer Brechung.

Christian Forster, Kunsthistorisches Institut Universität Halle-Wittenberg.



Fränkischer Tag, 22. März 2008: Der Zauber in jedem Alltag

Der Volker-Hinniger-Preis 2008 geht an den Bamberger Künstler Richard Wientzek. Die Übergabe erfolgt zur Ausstellungseröffnung am 25. April in der Villa Dessauer.

Alles wird ge- und zernutzt, der Mensch hinterlässt seine Spuren im kleinsten Winkel wie auch im weitesten Panorama. In unseren Tagen ist es – im wahrsten Sinne des Wortes – eine Kunst, zwischen Flurbereinigung, Silos und Supermarktparkplätzen noch das „Malerische“ zu finden. Gerade deshalb gehören Landschaften zu den Lieblingssujets des Volker-Hiniger-Preisträgers 2008, Richard Wientzek aus Bamberg. Der nüchterne Blick ist in seinen Bildern die Voraussetzung für die Suche nach der geheimen Schönheit: jedem Alltag wohnt ein Zauber inne. Obwohl die Stimmung in den Gemälden eine tragende Rolle spielt, ist sie schon Ausdruck einer gebrochenen Reflektion des Dargestellten: Das natürlich Schöne wird gespiegelt am morbid verschandelten einer durch Menschenhand überformten Landschaft. Das eine schließt das andere nicht aus, die Widersprüche ergänzen sich. Wientzeks akribisch gemalte und gezeichnete Kommentare, die das sentimentale Gefühl schon in dem Moment relativieren, in dem es sich bei der Betrachtung einstellt, sind vom 26. April bis zum 1. Juni 2008 in der Stadtgalerie Bamberg – Villa Dessauer zu sehen. Die Gemälde und Zeichnungen von Richard Wientzek werden unter dem Motto „Tagwerk“ gezeigt.

1970 in Bamberg geboren, studierte Wientzek in seiner Heimatstadt und in Amsterdam Kunstgeschichte, Germanistik und Niederlandistik. Seit 2000 ist er Mitglied im Berufsverband bildender Künstler und hat sich besonders in den Bereichen Performance und Medieninstallation auch international einen Namen gemacht. Im traditionellen Genre der Landschaftsmalerei nimmt sich Wientzek vor allem seiner fränkischen Heimat an.

Mit dem mit 5000 Euro dotierten Volker-Hinniger-Preis für junge Künstlerinnen und Künstler wird in diesem Jahr zum achten Mal des 1988 tödlich verunglückten Bamberger Malers Volker Hinniger gedacht. Der in Deutschland und Griechenland als Maler und Kunstpädagoge tätige Hinniger machte sich zu Lebzeiten um die Förderung junger Talente verdient. Auf Initiative der Mutter des Künstlers, Gretel Hinniger, wird sein Erbe mit diesem Preis zur Förderung junger Künstler fortgeführt.



Markus Hörsch: Landschaftsmalerei 2006

... geht das zusammen: Flurbereinigung und Idylle, Neubaugebiete und Pathos, hochtechnisierte Landwirtschaft und Schönheit?

Unsere Idee von „Landschaft” ist – mehr oder weniger bewusst – bestimmt von Vorstellungen, die in einer l angen Kulturgeschichte gefestigt wurden. Gemalte Natur konnte im Laufe der Jahrhunderte vieles bedeuten: Gottes Schöpfung, Allegorisch-Kulissenhaftes, Wild-Bedrohliches, ein Spiegel innerer Befindlichkeit, Ausgangspunkt für Farb- und Formexperimente, romantische Vedute.

Richard Wientzek scheint allen diesen Traditionen radikal zu widersprechen. Seine Landschaften sind oft unspektakulär, karg, reduziert auf wenige Farben und Strukturen. Doch so wird Neues sichtbar, vor allem in den bis ins Kleinste ausgeformten Details: die strukturierte Schönheit unserer zutiefst vermenschlichten, industrialisierten Umgebung; die Stimmungen des Wetters, das der Mensch glücklicherweise noch nicht im Griff hat; auch eine Erinnerung an Natur, der wir letztlich selbst angehören.



Patricia Grzonka und Linda Klösel:
Richard Wientzek/Jun-Jul 03

In: Elisabeth Hajek und Therese
Schmalzl(Hg.): 100 Artists-in-Residence/ quartier21/MQ/2002-2006.
Wien 2006, S. 70-71.

Richard Wientzek ist vielleicht ein Teil des
selbst so genannten Bastlerkollektivs
monochrom, einer der im quartier21
lokalisierten Institutionen, aber er ist in
jedem Falle auch ein bildender Künstler,
der sich vergleichsweise traditionellen
Metiers widmet, wie zum Beispiel der Landschaftsmalerei.

Wenn Wientzek malt, dann sind es oft karge, unspektakuläre Landstriche, in denen nicht nur eine wie auch immer geartete `Naturschönheit` zum Ausdruck kommt, sondern auch Stimmungen des Wetters oder die Ödnis industrialisierter Randzonen.

Richard Wientzek studierte Kunstgeschichte, Germanistik und Niederlandistik in Bamberg und Amsterdam und realisiert neben seinen malerischen Konzepten auch Arbeiten im angewandten Projektbereich, also Performances, Medieninstallationen oder sonstige Web-Botschaften.
Seine Einladung zum Artist-in-Residence Programm erfolgte über die Künstlergruppe monochrom, mit der bereits eine auf das Jahr 2000 zurückgehende Zusammenarbeit besteht. Im Rahmen seines Wiener Aufenthalts war Wientzek denn auch in mehrere monochrom-Projekte involviert und lieferte dem „nahezu täglichen Bedarf an kreativem Output und handwerklichen Lösungen“ [so der Chronist Frank Apunkt Schneider] diverseste seiner Ideen zu. Abschlussprojekt dieser temporären quartier21-Projekgemeinschaft war die Extremboutique Nagy/Die guten Atmosphären, ein Bühnenwerk in Form eines PowerPointMusicals: Das Stück enthält einerseits einen Metakommentar von Wientzek zur Organisation seiner Gastgeberinstitution, andererseits besteht die Extremboutique aus den bekannten, durch arrangierten Teildisziplinen von monochrom, die schließlich in einen revueartigen Vortrag münden.
Wie später im erfolgreich aufgeführten Musical Udo 77, an dem Wientzek ebenfalls beteiligt war, kollidieren auch hier die heterogensten Genres, Medien, Kritikmodi und Theorieansätze miteinander, die frei begleitet werden von Unterhaltungselementen aus Kitsch, Pathos, Aktionismus oder Politikbewusstsein.



Christian Forster:Topographie und Topos. Zur Malerei von Richard Wientzek

Als spektakulär gilt die Landschaft, die das Gewohnte übertrifft, etwa weil sie aus einer endlosen Sandwüste besteht, einem riesigen Flussdelta, bizarren Felsen und mächtigen Gletschern. Im täglichen Anblick aber verliert das Naturschauspiel seinen Reiz.
Vielleicht ist das der Grund, dass spektakuläre Landschaften eher selten gemalt wurden. Kochs Schmadribachfall und Friedrichs Eismeer flößen Ehrfurcht ein vor der unbezwingbaren Gewalt der Elemente. Doch das Erhabene der Natur offenbart sich nicht erst im äußersten Extrem, es liegt, zumindest in d ???O?er Ansicht der Romantiker in ihrer Weite, Wildheit und Vielfalt.

Bestimmte Komponenten einer romantischen Naturanschauung gingen zweifellos in das malerische Schaffen von Richard Wientzek ein. Dass sie in subtiler Weise gebrochen werden, und ein sentimentales Gefühl irritieren, ist der Tatsache geschuldet, dass der Mensch seit je und in großem Maße seine Umgebung gestaltet hat und die gezielte Ausblendung seiner Eingriffe heute den Vorwurf notorischer Realitätsflucht provozieren würde. In „Rechts“, „Ende Juni“ und „Guten Morgen Bamberg“ stellt uns der Maler ein Objekt von radikal-funktionaler Schlichtheit so dicht vor die Augen, als wäre die Landschaft nur schmückender Hintergrund. In „Rechts“ ist dieses Objekt – ein Verkehrsschild - sogar bildtitelwürdig. Dezidiert unspektakulär sind die Bildmotive der Ortsrandbebauung von „Hirschaid“ und die im schmutzigen Ockergrau verputzte Hauswand, die mit der Zukunftsverheißung „softway“ wirbt. Auf den Höhepunkt getrieben aber wird die malerische Adelung eines unauffälligen Wirklichkeitsausschnitts in „Hinter Laibarös“, einem Dorf im Lkr. Bamberg.
Weite ist ein wichtiges Thema bei Wientzek. Es wird vermittelt durch einen niedrig angesetzten Horizont, über dem abziehende Regenwolken den Blick auf das Azurblau des Himmels freigeben („Nach dem Regen“), oder durch eine geradezu lustvoll inszenierte Tiefenperspektive, wenn der Blick von den Reihen der Setzlinge eines Maisfelds geleitet wird, die gegen den Horizont streben („Leitung“), oder von Ackerfurchen, in denen sich Schnee gesammelt hat („Weiter“ „Samstagnachmittag“). Nicht selten wird der Blick daran gehindert zu schweifen. Dann ist in der Bildmitte eine Barriere aufgebaut, etwa eine Bodenwelle, hinter der sich ein Wohnhaus duckt („Heim“), oder eine Hinterhofzeile, die von einem anspruchslosen Bau der Siebziger überragt wird („Die Zentrale“).

Am „Meer“, als „Badende“ treten dann Menschen auf, in großer Zahl, als Masse, wird man sagen müssen, die ausschnitthaft gezeigt wird, um ihre Massenhaftigkeit gerade erst herauszustreichen. Den seriellen Charakter eines Motivs betonen auch die in zwei oder drei Tafeln geschnittenen Landschaftsbilder, etwa bei dem im kalten Licht des Winters daliegenden „Blauen Feld“. Es ist ja nicht so, dass es keine größeren Leinwände zu erwerben gäbe. Diptychon und Triptychon aber haben als zunächst technische Lösungen eine ikonographische Tradition eröffnet, in der sich zwei oder drei Einheiten durch ihre Gegenüberstellung zu einer übergeordneten Aussage verbinden.

Spätestens seit dem Studium der Kunstgeschichte, das von einem besonderen Interesse für das Mittelalter geprägt war, weiß Wientzek um derlei historische Voraussetzungen. Kommt man auf seine künstlerischen Anfänge zu sprechen, sollte betont werden, dass sie nicht im akademischen Umfeld angesiedelt sind, sondern in der unmittelbaren Praxis. Wientzek hat zahlreiche Panoramakarten gemalt, die dem Wanderer den Weg weisen. Dann wieder hat er Zeichnungen für archäologische Dokumentationen angefertigt. Und er macht nach wie vor auch das, was nach Ansicht mancher einen Widerspruch enthält, dem Sprachgebrauch aber geläufig ist (und abermals der Tradition, der noch Kippenbergers „Lieber Maler male mir“ folgt), nämlich Auftragskunst, etwa Porträts.
Hinter all dem steht ein unbändiges Bedürfnis zu malen. Angesichts der stoisch durchexerzierten Grashalme, Zweige und Falten, erst recht in Tuschezeichnungen wie „Dienstag Nachmittag“ kann es sich gar nicht anders verhalten. Der Künstler, der sich als realistischer Maler versteht, vermittelt es schließlich selbst, auf ikonographischem Wege und in einem programmatischen Bild, als das ein Selbstporträt immer gewertet werden muss: Das befremdliche Element der Rosenblüten, in denen der Mann mit Schleifgerät und Mundschutz hüfthoch steht, ist eine in aller Bescheidenheit vollzogene Verbeugung vor den großen Detailisten des Historismus wie Alma-Tadema und Makart.
Langsam stellt sich der Verdacht ein, dass Wientzek versucht, den Gegensatz zwischen Pathos und Ironie zu überwinden.


 
Richard Wientzek Atelier Josefstraße 17 96052 Bamberg Telefon: 0951/200914 Mobil: 0174/7627730 mail@richard-wientzek.de